{"id":23,"date":"2005-11-02T22:21:58","date_gmt":"2005-11-02T21:21:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.streeck.com\/blog\/archives\/2005\/11\/02\/machtlos\/"},"modified":"2005-11-02T22:21:58","modified_gmt":"2005-11-02T21:21:58","slug":"machtlos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.streeck.com\/blog\/2005\/11\/02\/machtlos\/","title":{"rendered":"Machtlos"},"content":{"rendered":"<p>Der RE35375 von Marburg nach Frankfurt. Ein Mann, er sieht aus wie Ende 30, ist aber sicherlich nicht viel \u00e4lter als Ende 20. Ein kleiner Bierbauch ist unter sportlicher, leicht dreckiger Jacke nicht zu \u00fcbersehen. Ausgeblichene hellblaue Jeans in Karottenschnitt, die seit 10 Jahren keiner mehr tr\u00e4gt, der sich anderes leisten kann. Ware aus zweiter Hand. Er schwankt die Treppe des neuen Doppeldeckerregionalexpresses hinab, setzt sich hin. Sein Kopf kippt nach rechts gegen das Fenster, sofort beginnt er zu schnarchen.<\/p>\n<p>Zwei Minuten vergehen. Er wacht unvermittelt auf, blickt um sich, die Haut teigig, verschwitzt. Er hat einen deutlichen Fettabdruck auf dem Fenster hinterlassen. Schnell steht er auf, geht drei Schritte in Richtung Toilette, f\u00e4llt leicht gegen einen der Sessel. Er h\u00e4lt inne, dreht sich um und geht zur\u00fcck zu seinem Platz. Er blickt um sich \u2013 unsere Blicke treffen uns \u2013 er blickt versch\u00e4mt zum Boden. Nach einer Sekunde des Z\u00f6gerns holt er eine fast leere 1 Liter Flasche Feigling aus der sportlichen Jacke hervor, zittert beim aufdrehen des s\u00fc\u00dfen Pflaumenschnaps und nimmt einen gro\u00dfen Schluck.<\/p>\n<p>Da taucht am Ende des Wagons auch schon die Zugbegleiterin auf, eine resolute junge Frau mit drei Streifen auf der Jacke. Deutlich k\u00fcndigt sie f\u00fcr den Wagon an: \u201cSch\u00f6nen Guten Tag, Fahrscheine bitte!\u201d. Alle Fahrg\u00e4ste suchen leicht eingesch\u00fcchtert nach ihren Fahrscheinen, w\u00e4hrend der Mann in der blauen Jacke aufsteht und sich von ihr entfernt. Dies entgeht der geschulten Frau nat\u00fcrlich nicht, doch genau so wenig l\u00e4sst sie sich beeindrucken. Auch meine Fahrtberechtigung wird kontrolliert, sie zieht vorbei. Es dauert keine drei Minuten da l\u00e4uft erst er zur\u00fcck an mir vorbei, dann sie, dicht auf seinen Fersen. Am Ende des Wagons, wo sie ihren ersten Auftritt hatte, gibt er seine Flucht auf.<\/p>\n<p>Routiniert und bestimmt z\u00fcckt sie Block und f\u00e4ngt an seine Personalien zu erfragen. Ausweis hat er nicht dabei, Geld sowieso nicht. \u201cIst sicherlich nicht Dein ersten mal!?!\u201d sagt sie, f\u00fcr den ganzen Wagon h\u00f6rbar. Er widerspricht nicht. \u201cDas wird eine Anzeige geben, ich werde meine Kollegen in Gie\u00dfen anweisen dich zu beaufsichtigen bis die Polizei Deine Personalien \u00fcberpr\u00fcfen konnte.\u201d Er nickt, es ist ihm deutlich unangenehm, auch dass es alle mitkriegen. Als auch der letze Fahrgast mitgekriegt hat was los ist und der Mann in der blauen Jacke mit ungez\u00e4hlten ver\u00e4chtlichen Blicken bestraft wird, f\u00e4llt aller Stolz von ihm ab und zieht, als ob ihm eine Last von den Schultern genommen worden ist, die Flasche mit dem s\u00fc\u00dfem Bet\u00e4ubungsmittel aus seiner Jacke und gie\u00dft einen weiteren gro\u00dfen Schluck in seine Kehle hinein. Stillschweigend f\u00fcllt sie Formulare aus, w\u00e4hrend er ihr zusieht. Stille. <\/p>\n<p>In Gie\u00dfen angekommen wird er unsanft mit resoluter Hand vom Zug geschoben. Es sind keine Kollegen da, er l\u00e4uft schwankend in Richtung Gleisunterf\u00fchrung, sie ist Machtlos. Genau wie er.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der RE35375 von Marburg nach Frankfurt. Ein Mann, er sieht aus wie Ende 30, ist aber sicherlich nicht viel \u00e4lter als Ende 20. Ein kleiner Bierbauch ist unter sportlicher, leicht dreckiger Jacke nicht zu \u00fcbersehen. Ausgeblichene hellblaue Jeans in Karottenschnitt, die seit 10 Jahren keiner mehr tr\u00e4gt, der sich anderes leisten kann. 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