Machtlos

Der RE35375 von Marburg nach Frankfurt. Ein Mann, er sieht aus wie Ende 30, ist aber sicherlich nicht viel älter als Ende 20. Ein kleiner Bierbauch ist unter sportlicher, leicht dreckiger Jacke nicht zu übersehen. Ausgeblichene hellblaue Jeans in Karottenschnitt, die seit 10 Jahren keiner mehr trägt, der sich anderes leisten kann. Ware aus zweiter Hand. Er schwankt die Treppe des neuen Doppeldeckerregionalexpresses hinab, setzt sich hin. Sein Kopf kippt nach rechts gegen das Fenster, sofort beginnt er zu schnarchen.

Zwei Minuten vergehen. Er wacht unvermittelt auf, blickt um sich, die Haut teigig, verschwitzt. Er hat einen deutlichen Fettabdruck auf dem Fenster hinterlassen. Schnell steht er auf, geht drei Schritte in Richtung Toilette, fällt leicht gegen einen der Sessel. Er hält inne, dreht sich um und geht zurück zu seinem Platz. Er blickt um sich – unsere Blicke treffen uns – er blickt verschämt zum Boden. Nach einer Sekunde des Zögerns holt er eine fast leere 1 Liter Flasche Feigling aus der sportlichen Jacke hervor, zittert beim aufdrehen des süßen Pflaumenschnaps und nimmt einen großen Schluck.

Da taucht am Ende des Wagons auch schon die Zugbegleiterin auf, eine resolute junge Frau mit drei Streifen auf der Jacke. Deutlich kündigt sie für den Wagon an: “Schönen Guten Tag, Fahrscheine bitte!”. Alle Fahrgäste suchen leicht eingeschüchtert nach ihren Fahrscheinen, während der Mann in der blauen Jacke aufsteht und sich von ihr entfernt. Dies entgeht der geschulten Frau natürlich nicht, doch genau so wenig lässt sie sich beeindrucken. Auch meine Fahrtberechtigung wird kontrolliert, sie zieht vorbei. Es dauert keine drei Minuten da läuft erst er zurück an mir vorbei, dann sie, dicht auf seinen Fersen. Am Ende des Wagons, wo sie ihren ersten Auftritt hatte, gibt er seine Flucht auf.

Routiniert und bestimmt zückt sie Block und fängt an seine Personalien zu erfragen. Ausweis hat er nicht dabei, Geld sowieso nicht. “Ist sicherlich nicht Dein ersten mal!?!” sagt sie, für den ganzen Wagon hörbar. Er widerspricht nicht. “Das wird eine Anzeige geben, ich werde meine Kollegen in Gießen anweisen dich zu beaufsichtigen bis die Polizei Deine Personalien überprüfen konnte.” Er nickt, es ist ihm deutlich unangenehm, auch dass es alle mitkriegen. Als auch der letze Fahrgast mitgekriegt hat was los ist und der Mann in der blauen Jacke mit ungezählten verächtlichen Blicken bestraft wird, fällt aller Stolz von ihm ab und zieht, als ob ihm eine Last von den Schultern genommen worden ist, die Flasche mit dem süßem Betäubungsmittel aus seiner Jacke und gießt einen weiteren großen Schluck in seine Kehle hinein. Stillschweigend füllt sie Formulare aus, während er ihr zusieht. Stille.

In Gießen angekommen wird er unsanft mit resoluter Hand vom Zug geschoben. Es sind keine Kollegen da, er läuft schwankend in Richtung Gleisunterführung, sie ist Machtlos. Genau wie er.

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